Die München-2018-Jubler
Als Erfahrung bei der Bewerbung München 2018 und und unser weiteres Engagement haben wir vom Netzwerk NOlympia gelernt, dass es nur ganz wenige kritische Geister unter den reinen Sportjournalisten gibt. Nicht verwunderlich, denn die Abhängigkeit und Nähe zu Sportfunktionären, zu Sportinstitutionen und natürlich zu den Sportlern selbst ist hoch und begünstigt Selbstanpassung, Kritiklosigkeit, Anpassung und die Schere im eigenen Kopf. Die besten Artikel über die Themen Sport, Olympische Spiele und die damit verbundenen ökologischen und ökonomischen Probleme kamen meist von Journalisten anderer Fachgebiete oder von den sehr wenigen kritischen und unabhängigen Sportjournalisten.
(Bei der Bewerbung München 2022 kamen nur wenige unkritische Sportjournalisten zum Schreiben: Hier ging es vor allem um die vier Abstimmungen am 10.11.2013, um die Knebelverträgedes IOC etc.)
Sportfans hinter der Absperrung
Oder wie es der kritische Sportjournalist Thomas Kistner („Fifa Mafia“) ausdrückte: „Nähe korrumpiert bekanntlich häufig, und wir reden hier von Sportjournalisten. Die Erfahrung auf diese Berufsgruppe bezogen lehrt, dass viele Sportjournalisten sich gewissermaßen schon selbst korrumpieren – beispielsweise über das Glücksgefühl, dass sie in diesem Job und damit ihren Helden des Sports so nahe sein zu dürfen. Wer seinen Fußball- oder Olympiahelden statt der Autogrammkarte das Mikro hinhalten darf, braucht gar nicht mehr im herkömmlichen Sinne bestochen zu werden – der kommt oft erst gar nicht auf dumme Gedanken…
Problematisch im Sportjournalismus wirken zudem diverse Zwänge, die teils für jedermann klar erkennbar sind. Etwa die Zwänge für Mitarbeiter von all jenen größeren und großen Sportmedien, die sich Verwertungsrechte an bestimmten Sportveranstaltungen teuer erkauft haben: Sollen die nun hergehen, ihr Millionenprodukt schlecht zu reden (oder zu schreiben, zu senden)? Und wenn sie´s wagten – wie würden die Chefs darauf reagieren? Es gibt branchenintern das mittlerweile ja recht gebräuchliche Wort von Sportjournalisten, die Fans sind, die es über die Absperrung geschafft haben. Darauf darf ich das Urheberrecht beanspruchen“ (Thomas Kistner im Interview, droemer Knaur 26.4.2012; Hervorhebung WZ. Das Interview ausführlich hier).
Deshalb sieht der Sportteil der Zeitungen so aus, wie er aussieht. (Allein 129 ganze Seiten erschienen in der Süddeutschen Zeitung zur Fußball-EM 2012.) Und deshalb sind die meisten Sportnachrichten und Sportsendungen in Radio und TV kritiklose Jubelbeiträge.
Im Vorfeld von Sotschi
In der Münchner tz äußerten sich die Sportexperten von ARD und ZDF zu den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi 2014: 240 Stunden ist die Sendezeit!
Rudi Cerne: „Aber ich freu mich auf die Spiele, weil ich weiß, was es für Sportlerinnen und Sportler bedeutet, an Olympischen Spielen teilzunehmen. Da gibt’s nix drüber.“
Kati Wilhelm (Expertin): „Es ist wichtig, sich eine Meinung zur politischen Lage zu bilden, aber in erster Linie bin ich dort, um den Sport zu bewerten.“
Markus Wasmeier (Experte): „Was die politische Situation angeht: Auch in Peking wurden viele Menschen enteignet. Das ist nicht schön, aber so ist es., Während der Spiele wird man davon aber nichts merken.“
Michael Antwerpes: „Aber die Erfahrung zeigt: Sobald die Spiele laufen und die ersten Medaillen vergeben sind, rückt der Sport in den Fokus.“
Dieter Thoma (Experte): „Als Sportler muss jeder für sich entscheiden, wie nah er das an sich heranlässt. Als Athlet ist der Olympiasieg das höchste Ziel, und ich denke, dass sich die meisten darauf konzentrieren werden.“
Peter Schlickenrieder (Experte): „Natürlich sind die Voraussetzungen in Sotschi andere, da dort vorher nicht viel existierte. Aber die Menschen sind sehr gastfreundlich, und die Qualität der Sportstätten wird top sein.“
Marco Büchel: „Wenn wir dort ankommen, werde ich mir sicher meine Gedanken zur Situation machen, sie aber für mich behalten. Mein Job dort ist, den Sport zu bewerten, das steht für mich im Vordergrund.“
(Alle Zitate: Kistner, A., Müller, M., Mit gemischten Gefühlen zu Putins Spielen, in tz 11.12.2013).
Dass ist ein Vorgeschmack auf die 240 Stunden Übertragung in den öffentlich-rechtlichen Sportsendern. Die Kritik erfolgt im Vorfeld, und mit zunehmender Nähe zur Eröffnungsfeier hebt der Jubel an.
Vergleiche auch: Die Öffentlich-Rechtlichen Sportsender